Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Die Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert:


Pressefreiheit, Massenpresse und Unterhaltung,
Medialisierung und Demokratie

2013

Nahezu universell verbreitete sich im 19. Jahrhundert die Presse - politische Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Die Forderung nach Pressefreiheit, die schon in der Unabhängigkeitsbewegung der amerikanischen Kolonien im 18. Jahrhundert eine große Rolle gespielt hatte, einte die demokratischen Bewegungen und veränderte die politische Kommunikation.

Die Presse öffnete den Kommunikationsraum „Hofstaat“, dessen Abgeschlossenheit früher ein wildes Eigenleben der Gerüchte und der anonymen Pamphlete provoziert hatte, für alle Bürger. Die Bürger klagten ihr Recht ein, informiert zu werden, und wo die Obrigkeit informierte, nahm diese gleichzeitig Einfluss darauf, was das Volk denken sollte.

Im Herrschaftsbereich des Deutschen Bundes war 1819 noch einmal durch die Karlsbader Beschlüsse ein extrem repressives Presserecht restauriert worden. Zensurbehörden und präventive Selbstzensur in Sorge um die wirtschaftliche Existenz begrenzten das Handeln der Verleger.

In dem Revolutionsjahr 1848 blühte in verschiedenen europäischen Hauptstädten eine parteiliche Presse auf – ähnlich und ähnlich kurzlebig wie bei den früheren politischen Umbrüchen in Nordamerika und Frankreich.  Der Zeitungsverkauf politisierte die Straße, wobei es fließende Grenzen gab zwischen Flugschriften und den oft kurzlebigen Periodika. „Insofern sollte man die Revolution 1848 nicht allein mit Barrikaden oder der Paulskirche assoziieren. Viel typischer war der Zeitung lesende diskutierende Bürger.“ (Frank Bösch)

1848 blühten auch Satireblätter auf, das bekannteste ist der „Kladderadatsch“. In Frankreich und England hatte sich dieses Genre bereits Jahrzehnten früher etabliert. Die große Freiheit 1848 wurde auch in der Rolle deutlich, die Frauen in den Medien spielten. Louise Otto brachte eine Zeitung unter dem programmatischen Titel Frauen-Zeitung heraus. Das war offenbar ein skandalöser Vorgang: Schon 1850 wurde Frauen schlicht untersagt, eine Zeitung zu leiten.

Mit ihren wachsenden Möglichkeiten der Fernübertragung sprengten die Nachrichten die regionalen und sozialen Erfahrungshorizonte ihrer Leserschaft.

Die neuen Nachrichtentechniken sorgten für mehr Aktualität und schufen so ein neues Zeitgefühl: In Deutschland etwa waren im Jahre 1856 noch 89 Prozent der in Zeitungen verbreiteten Nachrichten älter als einen Tag, 1906 waren es nur noch 5 Prozent.

Der Technologie-Mix der Massenpresse 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine „Massenpresse“. Die Drucktechnologie ermöglichte hohen Auflagen und erzwang sie auch durch die hohen Preise der Druckmaschinen. Seit den 1870er Jahren kamen Rotationspressen zum Einsatz. Die Setzmaschine verband seit den 1880er Jahren das Setzen und Gießen.  Mit Telegrafie und Telefon kamen neue elektrische Übertragungsmedien auf, neue technische Reproduktionsformen wurden genutzt, um die Druckerzeugnisse durch Abbildungen attraktiver für ein Massenpublikum zu machen. Eisenbahn und  Dampfschiffe erleichterten den Vertrieb von Druckerzeugnissen.  

Die Zeitungslandschaft blühte auf, in Zeiten und Regionen geringer Marktabdeckung erforderte die Gründung einer Zeitung keine unüberschaubare Menge an Kapital.

1833 erschien nach dem Vorbild des englischen Penny-Magazins in Leipzig das „Pfennig-Magazin“. Das Blatt wollte rein kommerziell orientiert, nutzte Bildgrafiken und richtete sich an die Familie. Herausgeber Johann Jacob Weber verstand sein Blatt als Organ zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse. Die Auflage stieg bald auf 100.000 Exemplare – die angesehene politische „Vossische Zeitung“ kam als auflagenstärkste Zeitung auf 20.000.

In den USA war schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl und Vielfalt gedruckter Nachrichtenquellen so groß wie niemals zuvor (oder auch später).

Massenpresse, Unterhaltung und Pressefreiheit

Der quantitative Erfolg der Massenpresse beruhte aber nicht auf der Berichterstattung über Politik und auf dem politischen Meinungsjournalismus, sondern auf Unterhaltungsangeboten. Der Gründer der Gartenlaube (1853), Ernst Keil, war im Vormärz ein politisch engagierter liberaler Journalist gewesen. In Leipzig wurde er zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt, schon im Gefängnis entwickelte er die Konzeption für die Gartenlaube. Die Gartenlaube wurde zur erfolgreichsten deutschsprachigen Zeitung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war Vorläuferin der Illustrierten.

Der erste deutsche Staat, der die volle Pressefreiheit einführte, war 1864 das Königreich Württemberg. Allgemein wurde die Präventivzensur durch das Reichspressegesetz von 1874 abgeschafft. Das hinderte den Reichskanzler Bismarck nicht daran, Eingriffe in die Pressefreiheit gegen die Katholiken und vor allem gegen die Sozialdemokratie zu verfügen. Es gab hunderte von Beleidigungsklagen gegen Journalisten. Mit den Sozialistengesetzen von 1878 wurden für zwölf Jahre sozialdemokratische Druckerzeugnisse generell verboten. Bismarck nutzte die konservative Presse für seine Politik und sorgte gleichzeitig hin und wieder für die Verfolgung einzelner missliebiger Journalisten.

Medialisierung und Politik

Die Presse ermöglichte zudem eine neue Intensität und Verbreitung gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und Selbstreflexion. Gegen Ende des Jahrhunderts waren die Presseorgane und ihre Nutzung ein wichtiger Faktor politischer Macht – wie etwa die Dreyfus-Affäre in Frankreich zeigt. 

Erst nach 1890 hatte die bürgerliche Presse in Deutschland für sich den Spielraum erkämpft, der in der angelsächsischen Welt seit langem selbstverständlich war. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verzauberte seine Zuhörer, das Beispiel der „Hunnen-Rede“ (1900) aber zeigt, wie die dokumentierenden Zeitungsberichte den Eindruck der Rede auf ihren nüchternen Kern reduzierten und zu ganz anderen, kritischen Bewertungen der aggressiven Formulierungen führten: Der Kaiser hatte den  deutschen Soldaten das Abschlachten der Chinesen empfohlen. Die „Selbstbeobachtung“ der Politik über die schriftliche Dokumentation von Reden führte 1908 nach dem Daily-Telegraph-Interview des Kaisers zu einer erheblichen Demontage seiner politischen Bedeutung. Das Kaiser-Interview zeigt zudem eine neue Ebene der Außenpolitik: Im Zeitalter der Massenpresse kann es nicht nur um Diplomatie (und Krieg) gehen, es geht auch um öffentliche Meinung und damit um symbolisches Ersatzhandeln der Politik. Auch Reichskanzler Bernhard von Bülow gab Interviews in der ausländischen Presse in den ersten Jahren des 20.Jahrhunderts in einer Phase, in der Interviews in der deutschen Presse keineswegs üblich waren. Bülow war es auch, der in jeder Zeit auf Beleidigungs-Klagen gegen Journalisten verzichtete und neue Formen des Austauschs und der Beeinflussung durch kommunikative Nähe setzte.

Stationen der Geschichte der Pressefreiheit

John Miltons hatte schon 1644 in seiner Rede „Areopagitica“ die Forderung nach Abschaffung der Vorlizenz für Publikationen erhoben. In den USA hatte der erste Verfassungszusatz (First Amendment) 1791 dem Kongress jegliche Gesetzgebung zur Einschränkung der Rede- und Pressefreiheit verboten. Es blieb das Instrument, die Beleidigung „öffentlicher Persönlichkeiten“ als Delikt anzuklagen. In der US-amerikanischen politischen Kultur vertiefte sich im 19. Jahrhundert das Verständnis von der Presse als einer „fourth estate“, einer vierten Gewalt, die eine unabhängige kritische Beobachtung der politischen Institutionen ermöglichen sollte.
In Großbritannien blieb die besondere Steuer auf Druckerzeugnisse, die „stamp duty“, bis 1855. Es gab aber keine förmlichen Instrumente zur Disziplinierung der Presse.
In Russland wurde in den 1860er Jahren im Kontext der Reformen von Zar Alexander II. die Zensur gelockert, die weitgehende Liberalisierung löst 1905 eine Welle von Zeitungsgründungen aus.
In den englischen Kolonien entwickelte sich ein Pressewesen nach englischem Vorbild. In Kanada etwa mit seinen 4,3 Millionen Einwohnern  wurden 1880 rund 100.000 Zeitungen pro Tag mit der Post verschickt.

Norwegen war auf dem europäischen Festland das erste Land gewesen, in dem seit 1814 Pressefreiheit herrschte. Andere Länder wie Belgien und die Schweiz folgten bald.

In der französischen Revolution war bereits 1789 „die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen“ zu einem „der kostbarsten Menschenrechte“ erklärt worden, fast hundert Jahre lang gab es jedoch noch einen erbitterten Streit um die Pressefreiheit. Ein weitgehend respektiertes liberales Pressegesetz gab es in Frankreich erst 1881.
Japan
hatte zwar eine etablierte Schrift- und Druckkultur, sich aber gleichzeitig bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vom europäischen Einfluss abgeschottet. Seit den 1860er Jahren entstanden dann innerhalb von nur drei Jahrzehnten zahlreiche japanische Zeitungen und Zeitschriften mit hoher Auflage, darunter 1867 das „Magazin der westlichen Welt“. Medien wurden offensichtlich zum Fenster zur westlichen (europäischen) Welt.
Das Beispiel Afrika, wo sich kaum eine starke Presse herausbildete, ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Al
phabetisierung die Voraussetzung für die Entfaltung des Pressewesens ist: Das Zeitalter der Druckpresse wurde in manchen Regionen Afrikas praktisch übersprungen, erst im 20. Jahrhundert wurde die oralen Kommunikationskultur durch neue Medien ergänzt - Radiosender und später auch andere elektrische Medien.

„Keineswegs war ganz Europa ein Hort der Pressefreiheit in einer sonst rückständigen Welt“, so fasst Jürgen Osterhammel seinen Überblick zusammen. Außerhalb des europäischen Kulturkreises waren die neue Medienkultur und die Pressefreiheit aber letztlich doch nur über die Kolonialgeschichte verbreitet worden.

Globalisierung im 19. Jahrhundert

Die mediale Globalisierung führte zu einer veränderten Wahrnehmung der Welt, von Zeit und Raum. Schon Samuel Morse (1791-1872) prophezeite, die Telegrafie werde „das ganze Land in eine einzige Nachbarschaft verwandeln“. Die Telegrafie veränderte gleichzeitig die Inhalte der Kommunikation - und der Presse. Die telegrafische Übermittlung erlaubte es, ereignisbezogene Nachrichten als aktuelle Sensationen zu verbreiten. Die Kosten der Telegrafie führten anfangs dazu, dass kurze, preiswerte Nachrichten – Schlagzeilen – um die Welt gingen.

Der in Kassel geborene Julius Reuter hat 1851 in London sein Nachrichtenbüro eröffnet. Für das britische Empire waren die Überseekabel besonders wichtig, die Verkabelung wurde mit großen Visionen vorangetrieben. „Es wird eine durch die Gleichzeitigkeit der Correspondenz vermittelte Gleichzeitigkeit der Action weit verstreuter Menschenmassen möglich, die unter Umständen ganz unberechenbare Folgen haben muss, die z.B. einen von einem Willen in kritischer Lage geleiteten Staatskörper wirklich zu einem Staatskörper werden lässt.   (...) Die Städte, die Völker 'erleben' die Ereignisse gleichzeitig, gleich als ob eine Empfindung einen einheitlichen Körper durchzucke. Und wir wissen, Nachrichten erzählt man sich nicht blos, sie wirken auch auf Thun und Lassen der Menschen", so formulierte Karl Knies 1857 in seinem Buch „Der Telegraph als Verkehrsmittel”.

Henry David Thoreau spottete 1854: „Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. (....) Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen ein paar Wochen näher zu rücken; vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.“

Massenmedien und Stadt

Massenmedien widdmeten sich erst allmählich den lokalen Themen der Stadt – sie wurden zu Orientierungshilfen für entwurzelte Stadtbewohner. Sie leuchteten den Lebensraum Stadt erst aus, als man ihn nicht mehr mit eigenen Augen und über den Dorfklatsch erfassen konnte. Sie ordneten den Blick der Städter auf die Stadt – gewürzt mit der Sucht nach Spektakulärem. Medien inszenierten ihre Spektakel zuweilen selbst wie der Berliner Ullstein-Verlag, der Autorennen und einen „B.Z.-Preis der Lüfte“ auslobte, um dann exklusiv darüber berichten zu können. Auch die „Tour de France“, seit 1903 das populäre jährliche Radrennen, wurde von der Zeitschrift L'Auto initiierte, die damit ihre Auflage verdreifachen konnte.
Die Sensation schlechthin: Im Jahre 1908 konnte mit Hilfe der Bildtelegrafie ein Kriminalfall aufgeklärt werden. Der „Daily Mirror” veröffentlicht das Foto des Mannes, der am Tag zuvor in Paris Juwelen geraubt hatte. Der Mann auf dem telegrafisch nach London übermittelten Foto wurde von einem Zeitungsleser identifiziert.

Das elektronische Medienzeitalter kündigt sich an

So kündigte sich um die Jahrhundertwende eine neue Epoche im Verhältnis von Medien und Gesellschaft an. Die Kinematographie, das neue Massenmedium des 20. Jahrhunderts, steckte noch in den Kinderschuhen, kurze Vorführungen bewegter Bilder waren nicht mehr als Variété-Nummern in den Vergnügungsstätten der Städte und auf den Jahrmärkten. Ortsfeste Kinos entstanden erst ab dem Jahre 1905.
Auch die Technik des Telefons steckte noch in den Kinderschuhen, die das technische Potential der Elektrizität für jedermann verfügbar machen sollte. Die Verbindung von elektrischer Datenübertragung und elektrischer Text- und Bildspeicherung führte im 20. Jahrhundert zur Netzkultur des Internets.

    Lit.:
    Osterhammel, Jürgen
    : Die Verwandlung der Welt (2009)
    Bösch, Frank: Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Fernsehen (2011)