Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Medium Stimme

Stimme ist immer Körpersprache, aber kein neutrales Werkzeug der Sinnübertragung:
Auch die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation unterliegt einer Geschichte der Muster ihrer kulturellen Einbindung

2015

Mit der Stimme spricht stets der ganze Körper, der Stimme assistieren Mimik und Gestik. „Ein starres Auge, ein verkrampfter Körper 'sprechen' genauso wie ein lebendiges Auge, eine lockere Gebärde.“ (Karl-Heinz Göttert) Für die Wahrheit bürgt der Sprecher. Schon in oralen Gemeinschaften existierten kulturelle Muster, für bestimmte Kontexte waren bestimmte Anforderungen an die Stimme festgelegt. Die „orale“, technisch unbeeinflusste Stimme ist ein kulturell differenziertes Mittel der Kommunikation. Stimme stellt kein neutrales Werkzeug der Sinnübertragung dar. Die technische „Armierung“ der Stimme ermöglicht ihre Verstärkung und Speicherung – und geht einher mit Verlusten ihrer leiblich-körperlichen Wirkung.

Geschichte der Stimme in den Zeitaltern der Oralität

Die Stimme war schon in der Antike besonders gefordert bei Auftreten vor großem Publikum – also zur Verständigung in einer Öffentlichkeit. Das gilt für Redner in Versammlungen, für Schauspieler auf der Bühne, für Prediger. Die körperliche Stimme hat eine begrenzte Reichweite. Die antike Architektur nutzte die akustischen Möglichkeiten der Resonanz. Im Mittelalter wurden Glocken genutzt zur akustischen Durchdringung des Alltags auf große Entfernung - sie läuteten zum Morgengebet und abends zur Schließung der Stadttore, sie verkünden Außergewöhnliches – wichtige Sitzungen, Feuer und Feindeseinfall. Ein Fremder, der die Sprache der Glocken nicht verstand, war orientierungslos. 

Bedeutsames Reden wurde in der Antike durch Sprechgesang signalisiert, daran erinnert heute nur noch die Liturgie als Mittel der Konstitution der Gemeinde vor Gott. Die Sprechgesang-Stimme im antiken Theater hebt den Text hervor, steigert also die Reichweite und die Wirkung, sie stellt gleichzeitig einen kulturellen Rahmen her. Auf dem Marktplatz wird „nur" geredet – es gelten die Regeln der Rhetorik.

Noch im Mittelalter kann dicere auch Sprechsingen bedeuten. Die mittelalterliche Kathedrale als Klangraum erzwang nicht nur langsames Sprechen, sondern war gleichzeitig als optische Inszenierung die „Bühne“ für das Wort Gottes. Eine Aufteilung des feierlichen Sprechgesang-Redens in Sprechstimme und Gesang kannte das Mittelalter zunächst nicht – die Singstimme wurde genutzt für die feierliche Form des Sprechens, zelebriert in einem für das Volk unverständlichem Latein: Das Wort war machtvoll und gewaltig. Das Mittelalter kannte keine Politiker antiken Formats mehr, auch  das Schauspiel war als „heidnische Kunst“ unterdrückt. Aber es gab Wanderprediger, die vor einem großen Publikum ihre Botschaft verkündeten. Und dann auch „geistliche Spiele“, in denen bekannte Geschichten mit gregorianischen Melodien vorgetragen wurden. Auch das weltliche Epos im späten Mittelalter wurde als Sprechgesang dargeboten. Sprechgesang war die Stimme für die Öffentlichkeit und für Feste.

Orale Gemeinschaften sind charakterisiert durch die Konkurrenzlosigkeit des gesprochenen Wortes. Schrift war nur die dokumentierte Form des gesprochenen Wortes, auch das handgeschriebene Buch war ganz in die Welt des Oralen integriert. In den Schriftreligionen ist die sinnliche Macht der oralen Zeremonie, die Sprache, Sprechgesang und musikalische Rezitation kennt, hinterlegt mit dem Bezug auf die Heilige Schrift, der Gemeinde der Anhänger wird das Wort Gottes als Lesung zu Gehör gebracht.

Notenschrift ist fixierter Ton. Wenn die christliche Kirche im 9. Jahrhundert versucht hat, eine Schrift für die Aufzeichnung der gregorialischen Choräle zu entwickeln und durchzusetzen, dann wollte sie nicht die Vielfalt der Gesangsformen festhalten, sondern das Gegenteil: Die oralen Gesänge sollte vereinheitlicht, beherrschbar gemacht und kanalisiert werden. Die Notenschrift ist nicht als Gedächtnisstütze entstanden, sondern als ein Machtinstrument über die Töne. Die Institution Kirche machte mit Hilfe der Notenschaft aus den volkstümliche Traditionen ihre „heilige Gesänge”. Auf Basis der Notenschrift können sich dann Regeln entwickeln darüber, was guter Klang sein soll und was weniger guter – „Harmonielehre” entsteht durch das Ausscheiden störender Töne.

Drucktechnik und Buch

Mit der Erfindung Gutenbergs begann ein epochaler Wandel. Wahrheit verlor die Bindung an die Stimme, an die Person des Vortragenden und den kulturell legitimierten Vortrag. Nach dem Muster der „heiligen Schriften" ging Wahrheit auf die veröffentlichte Schrift mit ihren identischen, ort- und zeitlosen, beliebig wiederholbaren Botschaften über. Die Wahrheit der Druckschrift kann aber wirken und zur Kenntnis genommen werden ohne die vermittelnde Rolle der Stimme, ohne Lesung. Druckschriften als neues Medium für Information und Kommunikation traten konkurrierend neben die Mündlichkeit.

Mündlichkeit erlebt eine neue Blüte als Kunstform und kulturelles Spiel. Die artifizielle europäische Kultur „gerät seit dem 16. Jahrhundert förmlich in einen Taumel des Sinnlichen, in dem sich Visualität und Oralität gegenseitig steigern“ (Göttert), Theater, Singspiele, Oper und Ballett entstehen als höchste Kunstform. Die Beschäftigung mit der Rhetorik beschäftigte die Philosophen - aber die entscheidenden Botschaften liefen mehr und mehr über die schriftlichen Diskurse. Die Kultur der Stimme wanderte aus ins Reich der Ästhetik.

Die verspätete Armierung der Stimme

Die „Armierung der Sinne“ klammerte die Stimme lange aus: Francis Bacon, einer der Väter der modernen Naturwissenschaft, erkannte in Druckerpresse, Schwarzpulver und Kompass die Mächte, die die Welt verändern sollten. Für Galileo Galilei war das Fernrohr als Armatur für das Auge der Wegbereiter des Erkenntnis-Fortschritts. Kaum eine Erfindung technisierte in der Epoche der Aufklärung die Stimme. Die Erfindung der Sprechtrompete („Phonurgia nova“) war ein Nebenprodukt des Hörrohrs und blieb im 17. Jahrhundert faktisch bedeutungslos. Erst im 19. Jahrhundert wurden mit dem elektrischen Telegraphen und dem Telefon Techniken zur Fernkommunikation für die Stimme entwickelt, für ihre Speicherung gab es des Phonographen seit 1899.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war die „vorwärtsschreitende Erweiterungen des Aktionsradius der Gliedmaßen und Sinne" (so Herbert Spencer) ein großes Thema der Fortschritts-Diskussion.  Otto Wiener thematisierte 1900 in seiner Leipziger Antrittsvorlesung die „Physik und Kulturentwicklung durch technische und wissenschaftliche Erweiterung der menschlichen Naturanlagen". Da geht es um instrumenteil aufgerüsteten Organe, um die Mikrowaage, das Telefon, die Uhr. Er behandelt den Zeitsinn, den Temperatursinn und den Farbensinn.

Sigmund Freud äußerte nach Aufzählung der „Werkzeuge", mit deren Hilfe der Mensch seine Organe vervollkommne, Bedenken: Motoren, Schiff und Flugzeug potenzierten seine Kräfte und verbesserten die Möglichkeiten der Fortbewegung, Brille, Fernrohr und Kamera seien Hilfsorgane der Augen, Grammophonplatte und Telefon der Stimme - der Mensch insgesamt sei „sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt", aber all dies lasse ihn keineswegs sein Glück finden, fasste Freud zusammen.

Aber Massenkommunikation blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Schrift-Kommunikation, die Rede vor einem großen Publikum mit Versammlungscharakter war ein Ausnahmefall. Als in den 1920er Jahren der Lautsprecher erfunden wurde, fand er fand zunächst nur Aufmerksamkeit und Verwendung für das Radio. Opernübertragungen machten Schlagzeilen.

Noch 1928 versuchte der stimmgewaltige Reichspräsident Paul von Hindenburg auf dem 14. Deutschen Turnertag in Köln auf der Jahnwiese vor über 200.000 Turnern zu sprechen, ohne dass die Veranstalter auf die Idee gekommen waren, Lautsprecher zu installieren. „Meine Begrüßungsansprache zerflatterte im Wind, sie wurde nur in der Nähe des Rednerpodiums verstanden", notierte Hindenburg. Für große Versammlungsräume und auf Plätzen wurde der elektrische Lautsprecher für die Politik erst 1929 von den Nationalsozialisten entdeckt – die Reduktion der „Zauberkraft des gesprochenen Wortes" (Hitler) durch die Verstärker wurde von ihnen bedauert, aber in Kauf genommen zugunsten der Emotionalität und Optik der inszenierten Massenveranstaltungen. Hitler Reden waren wirkungsvoll durch großes Sprechtheater: Er unterstrich wichtige Worte durch regelrechtes Schreien und erreichte damit einen Tonumfang von zwei Oktaven. Diese Form der Redekunst wirkt im Zeitalter der Lautsprecher-Verstärkung geradezu komisch und unmotiviert.

Die natürlich, reine Stimme blieb im mittleren 20. Jahrhundert das Kommunikationsmedium für den persönlichen Nahbereich. Fern-Kommunikation vermittels des Telefons suggeriert die persönliche Nähe, bleibt aber ein Ersatz, weil sie andere Körpersignale ausblendet.

Mit den elektronischen Instrumenten des 21. Jahrhunderts wurde dann auch die Bild-Übertragung in die Alltagskommunikation eingeführt. Mit dem Fortschritt der Technik reduziert sich der Unterschied zwischen Videokonferenzen und „richtigen“ Konferenzen. Bisher haben sich die Menschen daran dennoch nicht gewöhnt, obwohl der körpersinnliche Verlust der technischen Hilfsmittel etwa beim Skypen „nur noch“ die olfaktorischen und taktilen Subtexte der Kommunikation betrifft.

Herbert Marshall McLuhan hat diesen Prozess vorausschauend beschrieben. Während die Mechanisierung der frühen Neuzeit eine Ausweitung des Körpers in den Raum bedeutete, bindet die „Elektronisierung“ der Wahrnehmung und Kommunikation das Zentralnervensystem direkt ein. Die Steuerung von Wahrnehmung und Information geschieht schließlich nach Maßgabe der Apparate, die Medien bestimmen „Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens", so McLuhan in „Understanding Media". (1970) Menschliche Wahrnehmung ist immer durch die Filter der Sinnesorgane gegangen, jede technische Erweiterung der Sinnesorgane wirkt als „Körpererweiterung“ (McLuhan) und löst alte kulturelle Muster der Kommunikation und Wahrnehmung ab. Das gilt auch für das Kommunikationsmittel Stimme.

    Lit.:
    Karl-Heinz
    Göttert, Geschichte der Stimme (1998) 

 

    siehe auch die Texte zu

    Am Anfang war Musik   M-G-Link

    Orale Götterkultur: Klangrede und leichte Trance   M-G-Link

    Körper-Sprache  M-G-Link