Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

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Soziale KI-Akteure

09/2026

Computer sind soziale Akteure (CASA, Computers Are Social Actors), schrieben Clifford Nass und Byron Reeves schon 1996 („The Media Equation“). Zwar wissen Menschen, dass ein Computer kein Mensch ist, trotzdem reagieren sie in bestimmten Situationen auf Computer so „als ob“ - wie Kinder auf ihre Teddybären reagieren oder Gläubige auf die Symbole ihrer Gottheiten. Oder Trauernde auf die Kerze auf dem Grab ihrer Angehörigen. Es gilt fast als normal, dass Hundebesitzer ihrem Tier quasi-menschliches Verhalten zuschreiben. „Anthropomorphismus“ ist der Fachbegriff für solche Projektionen, die sich bisher auf nichtmenschliche Tiere bezogen wie auf Götter - und neuerdings auf elektronische Geräte.

Menschen reagieren auf technische Medien spontan so, als ob sie es mit sozialen Akteuren zu tun hätten, selbst wenn diese nur wenige soziale Hinweisreize geben. Eine Computerstimme lobt mich - ich empfinde das als Anerkennung. Ein Sprachassistent spricht freundlich mit mir - ich reagiere höflich. Ein Chatbot führt einen flüssigen Dialog - ich beginne, ihm Absichten oder Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Die KI erinnert mich daran, was ich gestern gefragt habe – so viel Aufmerksamkeit hätte ich nicht erwartet. Vertrauliche Sprache, ein Name, ein Gesicht, eine Stimme, Humor oder die scheinbare Erinnerung an frühere Gespräche können soziale Wahrnehmungsmuster reaktivieren. Schon einfache Dialogsysteme können den Eindruck erwecken, dass da „jemand“ ist. 

Erving Goffman und die Interaktionsrituale

Der kanadisch-amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922–1982) hat beschrieben, wie ein Subjekt sich in einer bestimmten Situation als soziales Subjekt präsentiert und wie viel „Einbildungskraft“ auch bei der Wahrnehmung von „wirklichen“ Personen im Spiel ist. Was wir erleben, ist nicht einfach eine „wirkliche“ Person. Soziale Wirklichkeit entsteht durch Interaktion und Darstellung, durch Rollenspiele und „Interaktionsrituale“.

 Goffmans Ausgangspunkt ist die Darstellung des Selbst (in The Presentation of Self in Everyday Life, 1956/1959). Menschen präsentieren sich durch ein Ensemble von Zeichen: Körper, Kleidung, Stimme, Sprache, Gestik, Mimik, räumliche Position und den Umgang mit anderen. Für das Gegenüber erscheinen diese Zeichen als Ausdruck einer Person. Dass Menschen versuchen, in sozialen Situationen den Eindruck zu steuern, den andere von ihnen gewinnen, bezeichnet Goffman als „Impression Management“. In seiner späteren Arbeit „Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation“ (1971, engl. Interaction Ritual: Essays on Face-to-Face Behavior, 1967) analysiert Goffman unter dem Begriff „Facework“ das soziale Selbstbild, das jemand in einer Situation inszeniert.

Menschen schließen im sozialen Umgang ständig aus sichtbaren und hörbaren Zeichen auf eine dahinterliegende Person. Eine Person ist im sozialen Umgang nicht einfach „da“; sie wird durch ihre Performance erkennbar. Der Mensch reagiert auf die Darstellung einer Person so, als stünde ihm eine Person gegenüber. Wirklichkeit ist immer mentale Wirklichkeitskonstruktion, soziale Realität immer auch soziale Illusion. Wir haben niemals unmittelbaren Zugang zur „inneren“ Person eines anderen, wir erschließen sie aus ihrer Darstellung. Ohne „Einbildung“ gibt es keine realen Beziehungen. Ich brauche eine Vorstellung von meinem Gegenüber, um ihn als Person wahrzunehmen und von wenigen Zeichen auf die Person schließen zu können. Dieser Lernprozess wird als „jemanden kennen lernen“ erlebt. Wenn ich jemanden kenne, kann ich aus seiner Stimme auf seine Präsenz und eventuell auf seine Gefühle schließen, auch wenn die Person nicht direkt sichtbar ist, sondern in einem anderen Raum steht – oder nur auf dem Bildschirm präsent ist. Der Begriff der „parasozialen Beziehungen“ wurde schon in der beginnenden Fernsehgesellschaft der 1950er Jahren geprägt (von den amerikanischen Medienwissenschaftlern und Psychologen Donald Horton und Richard Wohl.)

Parasoziale Beziehungen mit KI-Avataren

Wenn Menschen ihr Selbst und ihre soziale Realität wesentlich über die Reaktionen anderer konstituieren, stellt sich die Frage, ob und unter welchen Bedingungen eine künstliche Figur als sozialer „Anderer“ funktionieren kann. Eine KI kann die verbalen Kommunikationsstrukturen simulieren. Ein Avatar kann meinen Namen verwenden, sich an frühere Äußerungen erinnern, auf meine Stimmung reagieren, Verständnis signalisieren, Fragen über meine Gefühle stellen, Humor zeigen, widersprechen, Zuneigung oder Anteilnahme sprachlich darstellen.

Die generative KI ermöglicht es, dass der Avatar nicht nur vorgefertigt reagiert, sondern direkt, persönlich und differenziert auf eine menschliche Kommunikation eingeht. Menschen wenden gegenüber Computern spontan und meist unbewusst Höflichkeits- und Reziprozitätsregeln an. Ein generatives KI-System kann auf die Person eingehen, die mit ihm kommuniziert und sagen: „Du klingst heute etwas nachdenklich. Möchtest du darüber sprechen?“ Das System erinnert sich scheinbar an ein früheres Gespräch: „Du hast mir doch letzte Woche von deinem Buch erzählt. Wie geht es damit weiter?“ Schon eine individuelle menschliche Stimme kann soziale Reaktionen gegenüber einem Computer verstärken. Ein Avatar kann eine individuelle Stimme und eine bestimmte Wortwahl verwenden sowie Humor, Empathie, Wissen, Unsicherheit, Zustimmung oder Widerspruch zeigen und künftig möglicherweise auch einen bestimmten Gesichtsausdruck oder einen individuellen Blick simulieren. Das bedeutet: Ein Avatar kann „Impression Management“ simulieren. Er „managt“ damit den Eindruck, den der Benutzer von ihm gewinnt. Ein Avatar kann Emotion verbalisieren. Ein Avatar kann ein Selbstbild simulieren und darauf bestehen, dass er so behandelt wird, als besäße er ein „Face“. Die Personenhaftigkeit des Avatars entsteht in der Begegnung mit seinem menschlichen Gegenüber. Das technische Artefakt wird in einer konkreten sozialen Interaktion von seinem menschlichen Gegenüber als soziales Subjekt konstituiert. Die soziale Realität einer Interaktion hängt nicht davon ab, ob der Interaktionspartner biologisch menschlich ist. Nehmen wir an, jemand sagt zu einem KI-Avatar: „Du verstehst mich überhaupt nicht.“ Die KI antwortet: „Vielleicht hast du recht. Ich habe dich gerade falsch verstanden.“ Obwohl die KI keine menschliche Kränkung empfindet, funktioniert die Interaktionsstruktur so „als ob“. Die Menschen passen ihre sozialen Erwartungen an ihr Gegenüber – und auch an künstliche Gegenüber - an. Menschen lernen, sich gegenüber künstlichen Akteuren auf eine Weise zu verhalten, die sie ursprünglich für menschliche Akteure entwickelt haben.
Im Extremfall kann der Avatar als Person und als Beziehungspartner erlebt werden. Der KI-Avatar liefert genau jene Darstellungsleistungen, aus denen Menschen normalerweise auf eine Person schließen. Menschen können den Algorithmus nicht wahrnehmen, sondern die Darstellung.

Wie wurde der Mensch zu einem Gemeinschaftswesen?

Die menschliche Psychologie selbst wird durch kulturelle Evolution geformt und verändert. Menschen verändern durch kulturelle Praktiken ihre Umwelt – und diese Umwelt verändert wiederum die Menschen.
Das menschliche „Selbst“ ist nicht einfach etwas, das der Mensch besitzt. Es wird in Beziehungen mit anderen Menschen ständig hergestellt und kulturell geformt. Sarah Hrdy verweist bei der Frage, warum der Mensch eine im Vergleich zu seinen tierischen Verwandten außergewöhnlich starke Fähigkeit zur sozialen Orientierung besitzt, auf die frühkindliche Erfahrung von gemeinschaftlicher Fürsorge. Das fördert die Fähigkeit, sich in andere Personen als die Mutter hineinzuversetzen. Das Kind lernt, bevor es sprechen kann: „Andere Menschen beobachten mich, reagieren auf mich und kümmern sich um mich. Wer kümmert sich um mich? Wer ist freundlich? Wer ist zuverlässig? Was möchte diese Person? Wie kann ich eine Reaktion des anderen hervorrufen?” Das Kind entdeckt gewissermaßen: Der andere hat einen eigenen Willen und eine eigene Perspektive. Das ist die Grundlage dessen, was man als Mentalisierung oder „mind-reading” bezeichnet. (meinen Blog zu Hrdy siehe MG-Link)
Der Mensch hat in seiner evolutionären Entwicklung eine außerordentliche Sensibilität für andere Menschen und deren Reaktionen. In einer stark auf Gesichtswahrung und soziale Harmonie ausgerichteten traditionellen Gemeinschaft entsteht daraus eine besonders ausgeprägte Sensibilität für die Wahrnehmung: „Wie denkt der andere über mich?“
Ein Kind in einer kleinen Verwandtschaftsgesellschaft lernt andere Erwartungen als ein Kind in einer modernen Großstadt. In der stärker individualistischen westlichen „W.E.I.R.D.“-Kultur stellt der Einzelne eher die Frage: „Was will ich selbst?“ Ein Kind in Japan lernt beispielsweise andere Regeln der sozialen Rücksichtnahme als ein Kind in den USA.  (vgl. meinen Blog-Beitrag zu Joseph Henrich,
MG-Link)

Scheitert die KI an der Liebe?

Ein Extremfall der Kommunikation ist die Liebesbeziehung. In einer Liebesbeziehung schafft die Einbildungskraft ein Bild des anderen. Dramatische Enttäuschungen in Liebesbeziehungen sind Krisen der Einbildungskraft. Die Einbildungskraft überschreitet das Gegebene. Wenn ich mich verliebe, ergänze ich den anderen. Die Einbildungskraft verbindet einzelne reale Erfahrungen zu einer kohärenten Figur. Der geliebte Mensch wird damit zu einer Projektionsfläche für Wünsche und Möglichkeiten. Die Einbildungskraft ist produktiv.

Die dramatische Enttäuschung entsteht, wenn die Differenz zwischen dem vorgestellten Anderen und dem erfahrenen Anderen zu groß wird. Meine Einbildungskraft hat etwas ausgeblendet, was zur Freiheit des Anderen gehört. Eine imaginäre Welt kann zusammenbrechen, wenn ich feststelle: Der Mensch, der neben mir steht, ist nicht der, den ich geliebt habe, den gab es nur in meiner Einbildung – durch meine rosarote Brille.

Deswegen beschreibt Niklas Luhmann die Liebe als ein Kommunikationsmedium: Sie ermöglicht es, etwas mitzuteilen, was unter „normalen“ Bedingungen nicht sagbar wäre, und sie vermittelt eine persönliche, subjektive Welt des Anderen, die für Dritte oft unverständlich ist. Erst die „Sprache der Liebe“ (Roland Barthes) produziert den Geliebten – eine emotionale „zweite“ Realität neben der für Dritte wahrnehmbaren Realität. Deshalb kann Liebesenttäuschung sich wie ein Wirklichkeitsverlust anfühlen. Bei einer Liebesenttäuschung geht nicht nur der vorgestellte Andere verloren und damit die vorgestellte Beziehung, sondern auch das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und die vorgestellte eigene Zukunft in der vorgestellten gemeinsamen Welt. Ein Avatar enttäuscht mich nie, wenn er richtig programmiert ist. Nur hat die Liebesbeziehung als wesentliche Komponente die direkte körperliche Berührung, die Kommunikation mit einem Avatar muss ohne die Körperlichkeit auskommen – noch.

Ein echter Mensch besitzt einen Körper, Gefühle, Bedürfnisse, Verletzlichkeit und eigene Interessen. Die KI kann entsprechende Reaktionen nur simulieren, ohne selbst etwas zu empfinden. Aber die Illusion von Gegenseitigkeit gibt es in jeder parasozialen Beziehung und jedem Gespräch mit den Göttern. 

 

    siehe auch meine Blog-Beiträge
    Sarah Hardy - wie wurde der Mensch ein Gemeinschaftswesen?  M-G-Link
    Joseph Henrich, Wir seltsamen Menschen  M-G-Link