Klaus Wolschner             Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Medien-
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Medien-
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Texte zur
Religion

2_VR

Über die Mediengeschichte
  der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
 im Jahrhundert des Auges
Virtuelle Realität
der Schrift


ISBN 978-3-7375-8922-2
 

2_AS

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen
Augensinn und
Bild-Magie


ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2_GG

Über religiöse
Körpergefühle und die
kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen


ISBN 978-3-746756-36-3
 

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt


ISBN: 978-3-752948-72-1

Einsamkeit - aus der Serie „Escape“ des russischen Fotografen Danila Tkachenko

Einsamkeit

Die Erfindung der modernen Einsamkeit

„Einsamkeit“ bezeichnet ein Gefühl, das im 18. Jahrhundert als Selbst-Wahrnehmung
von leise lesende und schreibende Individuen entstanden ist. Das moderne Individuum ist ein einsamer Mensch, erst der einsame Mensch kann sich in seiner Einzigartigkeit be-greifen.

2021

Ein einsamer Mensch war in der vorbürgerlichen bäuerlichen und höfischen Gesellschaft ein unmöglicher Mensch, ein Un-Mensch. Die körperliche Geselligkeit war die normale alltägliche Lebensform. „Geselligkeit“ war in der bäuerlichen wie in der adeligen Kultur so selbstverständlich gewesen, dass ein einsamer Mensch kaum vorstellbar war, höchstens als Einsiedler, also in seiner religiösen Ausprägung, der allerdings die Nähe und „Geselligkeit“ Gottes suchte und keineswegs sein Ich als „einsames“ Ich verstand. „Solitudo“ bezeichnete bei Augustinus und genauso noch bei Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert („De vita solitaria“) das fromme Eins-sein mit Gott als intensive Form der religiösen Kommunikation. Der Rückzug in die Einsamkeit ist als „otium literarium“ löblich, als reine Muße aber verderblich. Der Benediktiner Alessio Ugoni veröffentlichte 1545 in Venedig seine Schrift „Dialogus de Solitudine“.  Unio mystica“ war die „süße Einsamkeit“ mit Gott.

Das lateinische „sōlitūdōż“ hatte bis ins 16. Jahrhundert noch Einheit, Eintracht und Gemeinsamkeit bedeutet. Wenn der reformatorische Luther das Seelenheil an die Gottesbeziehung des Einzelmenschen knüpft, befreit er den Menschen aus der Einbindung in die Gemeinschaft. Der fleischliche Mensch ist eingebunden in das irdische Leben, Luther rechtfertigt die weltliche Herrschaft über den fleischlichen Menschen: „Wir müssen leiblich sterben und niemand kann dem Tod entfliehen.“ Im Glauben aber ist der Mensch frei, da geht es um die geistliche Natur des Menschen. Die Voraussetzung für den persönlichen Glauben ist ein neuer innerlicher Mensch – ein Individuum. Bezeichnenderweise ist das individuelle Gewissen in Luthers Rechtfertigung vor dem Reichstag zu Worms (1521) gebunden an die Schrift – und nicht an die Tradition, die Gemeinschaft der Kirche oder ähnliches. „Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe“ ersetzen für sein Gewissen die alte Geselligkeit, mit seinem Gewissen ist er allein und allein auf sich gestellt. In der vorreformatorischen jüdisch-christlichen Tradition war „Gerechtigkeit Gottes“ ein Begriff, der die weltlichen Herrschaftsstrukturen als göttlich gerecht interpretierte. Die „Gerechtigkeit Gottes“ verlangte die Einhaltung der überlieferten Bräuche und verlangte die Einhaltung der Frömmigkeitsübungen einschließlich der Abgaben und Ablasszahlungen.

Die Philosophie der Aufklärung beschrieb die Einsamkeit nicht mehr als Mangel, sondern als Qualität  – und zwar nicht als kulturelle Errungenschaft, sondern als „Natur“ des Menschen.  In seinem säkularen neuen Verständnis wird Einsamkeit ein Begriff, der eng verknüpft ist mit der Individualisierung des menschlichen Daseins und Selbstverständnisses. Die Körperferne, die durch den Mangel an Geselligkeit entsteht, wird überdeckt durch die Vorstellung von Innerlichkeit.

Körperliche Geselligkeit bedarf der räumlich-zeitlichen Nähe, die fehlende Nähe wird quasi ersetzt durch die „Geselligkeit“ der Schrift: Schrift baut sekundäre Realität auf. Schrift kompensiert die Trennung der Körper durch die Konstruktion einer Vorstellung von Innerlichkeit. Dass es sich um einen Prozess der Medialisierung handelt, sollen die Natürlichkeits- und Wahrheitsmythen der Schriftkultur überdecken und vergessen lassen. Bei Jean-Jacques Rousseau wird dieses empfindsame Selbst zum natürlichen Urzustand des Menschen verklärt, zum Beispiel in seinem Briefroman „Julie où La Nouvelle Heloise” (1761).

Die erste umfangreiche Studie zur profanen Interpretation von Einsamkeit, stammt von Johann Georg Zimmermann. Der philosophierende Arzt hat eine vierbändige populärphilosophischer Abhandlung „Über die Einsamkeit” (1784/85) geschrieben. Zimmermann kritisierte die überkommene Vorstellung, dass die „Mönchskrankheit“ etwas mit „schwarzer Galle“ zu tun habe, die den Körper durchseuche. Einsamkeit war in seinen Augen eine Kulturübung, er empfahl Gebete, praktische Gartenarbeit und Musik. Christian Garve schuf wenig später ein zweibändiges Werk „Über Gesellschaft und Einsamkeit” (1797/1800).

„Die Funktionen, Vor- und Nachteile, ästhetischen Möglichkeiten, das Gefährdungspotenzial und die moralische Wertigkeit von Einsamkeit werden im 18.Jahrhundert mit ungeheurem Aufwand - in Gedichten, Briefen, Abhandlungen und publizistischen Fehden - erschrieben und erstritten“, fasst Kathrin Wittler zusammen.

Diese kultivierte Einsamkeit ist nicht mehr gänzliche Abkehr vom irdischen Leben, sondern zeitweilige Absonderung zum Zwecke der Kultivierung der eigene Empfindsamkeit, erst Individuen können wahre Geselligkeit erleben – als „Verbund zwischen Einsamen“, wie Albrecht Koschorke formuliert.

In Abgrenzung zu der oberflächlichen Kultur städtischer und höfischer Geselligkeit verstand schon Zimmermann die Einsamkeit als „eine Lage der Seele, in der sie sich ihren eigenen Vorstellungen überlässt“. Die Kultivierung der Einsamkeit wird zu einer Technik des Selbst. Einsamkeit wird als ein leib-seelisches Bedürfnis verstanden,  ein Weg zur Gesundheit der Psyche. In Denis Diderots  „Encyclopedie“ definiert Jean-Baptiste d'Alemberts ausdrücklich die Einsamkeit als „Krankenstation der Seelen“.

Die Medien des Einsamkeitsdiskurses sind der Brief und der Roman. Schreibend oder lesend kommuniziert der einsame Mensch mit seinem „Selbst“. Das Schreiben und Lesen wird zum Selbstgespräch, offenbar braucht dieses Selbstgespräch doch einen fiktiven Partner - man vertraut seine Gedanken dem Papier an und lässt die still und einsam Lesenden daran teilhaben. Die Gemeinsamkeit der Einsamen kommt durch die Schrift zustande, das Lesen und Schreiben verbindet die Einsamen. 

Das Verständnis von Einsamkeit war seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geprägt von dem Diskurs einer elitären, schreibenden oder lesenden bürgerliche Bildungs-Elite. Im modernen Diskurs hat David Riesman 1956 darauf hingewiesen, dass die Einsamkeit im Industriezeitalter keine privilegierte Attitüde mehr ist, sondern als eine erzwungene psychische Isolation von konsum- und freizeitorientierten Menschen erscheint.

    Lit.:

    Albrecht Koschorke, Körperstrome und Schriftverkehr. Mediologie des 18.Jahrhunderts, Zitat S.177 (2003)
    David Riesman, Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters (1956)
    Kathrin Wittler, Einsamkeit. Ein literarisches Gefühl im 18.Jahrhundert (Zitat S. 190) aus:  Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Bd. 87/2013,  S. 186–216
    Markus Zenker, Therapie im literarischen Text. Johann Georg Zimmermanns Werk „Über die Einsamkeit“ in seiner Zeit (2007)

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